Jeder kennt das. Der Rücken tut weh, weil man zu lange gestanden hat, die Haut brennt, weil man zu lange in der Sonne gelegen hat, oder der Kopf schmerzt, weil man am Abend davor „Einen über den Durst getrunken hat“. All das sind Beispiele für Schmerzen.
Schmerz gehört zu den ältesten und eindrücklichsten Erfahrungen eines jeden Individuums. Das Thema Schmerz ist seit Jahrhunderten Gegenstand unterschiedlichster Forschungsrichtungen. So haben sich bereits berühmte Philosophen wie Aristoteles und René Descartes mit Fragen zu dessen Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewältigung beschäftigt.
Die Erforschung von Schmerzen hat Einzug bis in die Neuzeit gehalten und stellt vor allem heutzutage ein stark beforschtes Themengebiet dar. Sowohl in der Medizin als auch in der Psychologie beschäftigt man sich eingängig mit der Erforschung von Schmerzen
Wir als Psychologen sind vor allem an der Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung von chronischen Schmerzen interessiert. Was uns schon zur ersten Frage führt.
Wie lassen sich Schmerzen einteilen?
Allgemein lassen sich Schmerzen (neben anderen Einteilungen) in akute und chronische Schmerzen einteilen.
Bei chronischen Schmerzen ist das etwas anders. Chronische Schmerzen sind sehr lange anhaltende Schmerzen die keine wirklich sinnvolle Warn- und Schutzfunktion mehr haben. Der Schmerz besteht weiter ohne, dass eine körperliche Schädigung vorhanden ist und wird dadurch selbst zur Erkrankung.
Das Problem daran ist: Wo es keine direkte Schädigung gibt, fällt es schwer zu behandeln. Schonung führt leider auch nicht mehr zu einer Besserung, stattdessen verschlimmert sie auf Dauer sogar die Schmerzen.
Für Betroffene kommt es zu deutlichen Einschränkungen in der Lebensqualität und zu körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen.
Wie häufig sind denn chronische Schmerzen?
Chronischer Schmerz ist heutzutage eine der wichtigsten medizinischen und psychologischen Herausforderungen in den westlichen Industrienationen geworden. Feldstudien zeigen, dass mittlerweile jeder dritte Arztbesuch in Mitteleuropa aufgrund wahrgenommener Schmerzen erfolgt
Die Zahl der Betroffenen ist in den vergangenen Jahren wie in kaum einer anderen Diagnosegruppe angestiegen. Laut aktuellen Schätzungen leiden bis 30% der Bevölkerung in westlichen Nationen unter chronischen Schmerzen.
Was machen denn chronische Schmerzen aus?
Um von chronischem Schmerz sprechen zu können, muss der Schmerz einige Kriterien erfüllen.
In den beiden gängigsten Diagnosesystemen gelten Scherzen erst dann als chronisch, wenn Sie nach der Heilungsphase mindestens 6 Monate lang weiter anhalten.
Der Zeitfaktor alleine ist jedoch nicht ausreichend. Chronische Schmerzen haben weitere Merkmale.
Emotionen:
Familie:
Diagnostik/Behandlung:
Den Ausgangspunkt des Modells stellt der akute Schmerz da. Das Modell zeigt zwei Wege wie auf den akuten Schmerz reagiert werden kann.
Der erste Weg ist der „funktionale Weg“, also der „Weg der Anpassung“. Die betroffene Person hat Kognitionen (Gedanken) die sie zur Bewältigung befähigen. Also Kognitionen wie bspw. „Der Schmerz wird schon wieder weg gehen“, „Ich kann jetzt nicht die ganze Zeit deshalb zu Hause bleiben“, „Moderate Bewegung tut mir bestimmt gut“. Aufgrund dieses funktionalen Denkens zeigt die Person auch zielführende Verhaltensweisen, wie bspw. wieder leichten Sport betreiben, spazieren gehen, zu einer Physiotherapie gehen usw. Durch das funktionale Verhalten wird der akute Schmerz letztendlich bewältigt.
Der zweite Weg ist der „dysfunktionale Weg“, also der „Weg der Nicht-Anpassung“. Die betroffene Person hat Kognitionen (Gedanken), die sie nicht zur Bewältigung befähigen. Dabei handelt es sich um katastrophisierende Gedanken die zu Angst vor Bewegung und Angst davor führen sich wieder zu verletzen. Durch diese Ängste kommt es zur Vermeidung von potentiell schmerzauslösenden Situationen und Bewegungen und zu einer „Hyper-Vigilanz“ für Körperempfindungen.
Was ist eine Hyper-Vigilanz?
Personen mit einer Hyper-Vigilanz nehmen Körperempfindungen als potentiell gefährlich und schädigend wahr. Sie leiden unter einem ständigen Gefühl der Angst, Übererregung und erhöhter Schreckhaftigkeit und sind ständig auf der Hut vor möglichen körperlichen Schädigungen. Sie beobachten kontinuierlich körperliche Veränderungen und hinterfragen ob diese eine Bedrohung darstellen könnten..
Die Angst und die Hyper-Vigilanz führen zu einer anhaltenden Vermeidung von Bewegungen und Aktivitäten. Die Vermeidung führt zu einer Schwächung des muskuloskelettalen Systems und infolgedessen zu einer erheblichen Schwächung wichtiger Muskelgruppen. Die Schwächung der Muskelgruppen führt wiederum zu einer Verschlimmerung der Schmerzsymptomatik.
Das Vermeidungsverhalten führt außerdem zu einem Rückzug von alltäglichen Aktivitäten wie bspw. der alltäglichen Arbeit aber auch dem Sozialleben. Dadurch kommt es zum einen Verlust von „positiven Verstärkern“ im Leben was zu einer depressiven Stimmung führt. Die depressive Verstimmung beeinflusst das Schmerzdenken und das allgemeine Wohlbefinden.
Sowohl die depressive Stimmung als auch die Schwächung des muskuloskelettalen Systems führen in letzter Konsequenz zu einer reduzierten Schmerztoleranz und dadurch zu einem vermehrten Schmerzerleben. Dreht sich dieser Kreis immer weiter Chronifiziert sich der Schmerz.
Aber warum soll ich denn zum Psychologen, wenn ich Schmerzen habe?
Viele Schmerzpatienten denken sich mit Sicherheit was soll ich denn bei einem Psychologen, wenn ich doch Schmerzen habe!
Wie auf dieser Seite versucht wurde darzustellen sind chronische Schmerzen auch von der Art des Denkens, des Verhaltens und der Umwelt beeinflusst. Sowohl bei der Entstehung als auch bei der Aufrechterhaltung von chronischen Schmerzen, haben das Denken und Verhalten der Person, sowie der Einfluss der Umwelt einen essenziellen Anteil.
Kann mir eine kognitive Verhaltenstherapie helfen?
In einer kognitiven Verhaltenstherapie wird versucht das Denken und Verhalten der betroffenen Person zu ändern. Sie soll befähigt werden wieder so zu denken und zu handeln, dass sie auf Dauer ein normales Leben führen kann. Es steht nicht die Schmerzreduktion im Vordergrund, sondern eine bessere Schmerzbewältigung. Also eine Verbesserung der Lebensqualität trotz der vorhandenen Schmerzen.
Oft ist es sinnvoll eine psychotherapeutische Behandlung mit anderen Behandlungen zu kombinieren. Also ein integratives Zusammenarbeiten zwischen z.B. Ärzten(innen) und Psychologen(innen), sodass z.B. eine abgestimmte Therapie mit (Analgetika) Schmerzmitteln, Psychotherapie und Biofeedback stattfinden kann.
Was passiert in so einer kognitiven Verhaltenstherapie?
Zu den gängigen Verfahren bei der KVT für chronische Schmerzen gehört neben Entspannungsverfahren, Aufmerksamkeitslenkung und Biofeedback usw. vor allem die Umstrukturierung des Denkens und Änderung des Verhaltens. Das Ziel ist, zu erfahren, dass Schmerz durch Verhalten, Gefühle und Kognitionen (Gedanken) beeinflusst werden kann. Dem Patienten wird aus dem Gefühl, dem Schmerz hilflos ausgeliefert zu sein, geholfen.
Gibt es Belege, dass eine kognitive Verhaltenstherapie wirksam ist?
In verschiedenen Metanalysen konnte nachgewiesen werden, dass die kognitive Verhaltenstherapie ein wirksames Therapieverfahren ist! Es zeigen sich Besserungen in der Schmerzintensität, dem Schmerzverhalten (Schonung und Vermeidung), der Beeinträchtigungen durch den Schmerz, der Stimmung und bei direkten Schmerzparametern (Intensität, Dauer, Häufigkeit usw.).
Kann es Komplikationen geben?
Häufig neigen Betroffene zu psychischen Störungen. Häufig sind hierbei Angststörungen (Link), Depressionen (Link), somatoforme Störungen (LINK), Schlafstörungen, und Posttraumatische Belastungsstörungen (LINK).
Häufig findet ein Substanzmittelkonsum, meist mit Opioiden statt, der eine Therapie behindern und je nach Substanz gefährliche Auswirkungen auf Körper und Psyche haben kann. Ein bestehender Substanzmittelkonsum ist vor und während einer Therapie unbedingt zu beachten.
Im Bereich der chronischen Schmerzen haben wir natürlich häufig Medikamente die durch Ärzte verschrieben werden. Was in erster Linie nicht falsch ist. In Kombination mit einer Psychotherapie sollte jedoch, mit dem behandelnden Arzt, eine Abstimmung über die weitere Vergabe der Medikamente erfolgen.